Das verbotene Werk oder "Nie wieder Krieg"

Am 19. September 1998 um 06.00 Uhr starteten wir zu unserer ersten Auslandsexkursion.
Auf dem Finsterwalder Marktplatz trafen sich zuvor 20 Funkerinnen und Funker, teils mit familiären Anhang. Der Konvoi von 5 Autos hatte die Gegend um Pförten, dem heutigen Brody/Republik Polen zum Ziel.

Diese Fahrt war von unserem Clubvorsitzenden "Telemann 19" -Manfred initiiert worden, der selbige schon ein Jahr zuvor mit großer Begeisterung absolviert hatte.
Von Finsterwalde aus ging es über Calau nach Vetschau und von dort über die Autobahn A15 nach Forst. Den ersten, allerdings unfreiwilligen Halt, mußten wir auf der Autobahn machen. Die Elektronik eines der Fahrzeuge zeigte eine Störung, was sich glücklicherweise als Fehlmeldung herausstellte. Allerdings sollte unser Spott das Fahrzeug und seinen Halter treffen. Nach dieser Aufregung und Fortsetzung der Fahrt, trafen wir am ersten Rastpunkt, einem Tankstellenparkplatz in Forst, ein.
Unser "Telemann 19" fuhr weiter und holte unseren Tourführer, Herrn Hans-Joachim Schulz von zu Hause ab. In der Zwischenzeit labte sich der wartende Rest der Reisegesellschaft am mitgebrachten Morgenkaffee. Mit Eintreffen des Tourführers begann die eigentliche Exkursion. Herr Schulz stellte sich und die beabsichtigte Reiseroute vor. Höhepunkt der Fahrt sollten die Bunkerruinen des ehemalige Rüstungsbetriebes der Deutschen Sprengchemie GmbH in Pförten/Brody sein. Sämtliche Ausführungen des Herrn Schulz wurden von Manfred/"Telemann19" auf Tonband mitgeschnitten und archiviert. Es erklang das erste "Aufsitzen!" auf die Fahrzeuge und wir begannen in ein Stück deutscher Vergangenheit "einzutauchen".
Die Straße auf der wir uns weiter bewegten, heißt in Deutschland A15 und ist jetzt 4-spurig bis zur Grenze ausgebaut. Auf polnischer Seite hat sie die Autobahnnummer 12, im Europastraßennetz ist sie die "E36" und ursprünglich war es mal die "Reichsstraße 1".Mit dem Überqueren der Deutsch-Polnischen Grenze am Grenzübergang Bademeusel (unweit von Forst) bewegten wir uns nun in einem Teil der Republik Polen, der vor Beendigung des II. Weltkrieges zu Deutschland gehörte. Wir verließen die Autobahn mit den vielen Nummern und fuhren zum Bahnhof nach Teuplitz/Tuplice, unserer ersten Station. Dort schilderte uns Herr Schulz eine traurige Begebenheit, die 1945 kurz vor Ende des II. Weltkrieges stattfand.
Gleichzeitig mit dem Eintreffen russischer Panzer im Ort, fuhr ein Personenzug mit deutschen Flüchtlingen, bestehend aus Frauen, Kindern und Alten auf dem Bahnhof ein. Die Schienen verlaufen dort parallel zur Straße, in weniger als 50 m Entfernung zueinander. Die russischen Panzer drehten ihre Kanonen in Richtung des Flüchtlingszuges und beschossen ihn aus nächster Nähe. Der Zug wurde stark beschädigt und kam zum halten. Gleich darauf kam es zwischen den Schienen zu einem Massaker ohne Vergleich. Viele der Flüchtlinge wurden abgeschlachtet, die Frauen vergewaltigt und zu Tode getreten, nur wenige konnten in die umliegenden Wälder flüchten. Eine traurige Episode...
Nach einer kurzen Stadtrundfahrt, Herr Schulz zeigte uns noch die ehemaligen Standorte der Post und der Kirche (nur noch Schuttberge und Trümmer übrig), fuhren wir weiter nach Läsgen/Lazy.
Dort machten wir Halt an einem Polnischen Sägewerk. Der Besitzer ist derzeit wieder ein Deutscher, was aber nicht der Grund für unseren Halt war. In diesem Sägewerk steht die älteste erhaltene Dampfmaschine auf polnischem Boden. Da Herr Schulz die Reise exakt vorbereitet hatte, waren wir auch in diesem Betrieb angemeldet. Somit konnten wir uns dieses alte Wunderwerk der Technik anschauen.
Gebaut 1922 mit Marmorschalttafel von Siemens & Schuckert. Zum größten Teil noch in Originalzustand - und funktionstüchtig !!! Ein schönes Stück Technik und herrliches Fotomotiv, welches man nicht alle Tage zu sehen bekommt. Hier möchte ich anmerken, daß zu jeder Sehenswürdigkeit Herr Schulz mindestens eine Begebenheit zu erzählen wußte. Wieder erklang ein "Aufsitzen!" und weiter ging es von Läsgen über Rotfelde/Grezawa und Drahthammer/Prozow nach Pförten/Brody. Im Laufe der weiteren Fahrt bekam Herr Schulz Gefallen an der Funkausrüstung unserer Fahrzeuge und so ersparte uns die Technik unseres Hobbys doch so manchen Halt. Mit ihrer Hilfe war es möglich, zügig weiter zu fahren und zugleich den interessanten Ausführungen des Herrn Schulz zu folgen. Seine Meinung dazu: "Mit der Verständigung ist es ja bequem, wie in einem Reisebus!"
In Pförten angekommen, besuchten wir erst einmal das ehemalige Schloß des Grafen von Brühl. Derzeit ist es leider noch eine Ruine. Es wurde von den Russen, kurz vor Kriegsende, als Kommandantur und Truppenunterkunft benutzt. Als Sie es nicht mehr benötigten, brannten Sie es nieder. Da es dann von der Polnischen Regierung unter Denkmalschutz gestellt wurde, bekam es vor einigen Jahren eine Dachrekonstruktion. Somit sollte der weitere Verfall des Bauwerks aufgehalten werden, weitere Mittel waren leider nicht vorhanden. Auch die Kapelle wurde noch bis vor einigen Jahren von der überwiegend katholischen Dorfbevölkerung für Ihre Messen und Gottesdienste genutzt. Derzeit bemüht sich ein polnisch-stämmiger Kanadier um die Rekonstruktion des Bauwerks. Bisher hat er Teile des Schloßparks und einen Teil der ehemaligen Gesindehäuser rekonstruieren lassen. Wohlgemerkt: Alles mit eigenen finanziellen Mitteln! In der Republik Polen fließen die Fördermittel leider nicht so reichlich wie in Deutschland. Er versteht es als seine Lebensaufgabe und möchte etwas für den Erhalt von Kultur und Geschichte leisten. Wir wollen ihm wünschen, daß ihm finanziell nicht die Luft ausgeht und er seinen Traum erfüllen kann.
Mit dem Spaziergang durch Ruine und Schloß wurde es Mittag. Herr Schulz hatte im Gasthof des Ortes zuvor unsere Reisegesellschaft angemeldet. Mit unserem Eintreffen bekamen wir pünktlich ein wohlschmeckendes und preiswertes Mittagessen serviert. Da wir zwar niemanden verdächtigen möchten, aber trotzdem Angst um unsere Autos hatten, ließen wir über Mittag "Wachposten" bei den Fahrzeugen, die für ihr Mittagessen von anderen OM's abgelöst wurden.
Gut gesättigt wurde nun zum eigentlichen Höhepunkt der Fahrt, die Bunker des ehemaligen Sprengstoffwerkes, aufgebrochen. Wir fuhren von Pförten über Marienhain/Marianka und Skuren/Zasieki zum ehemaligen Forster Stadtteil, östlich der Neiße. Dieser Ort ist nicht mehr existent. Mit der Versorgung von Trinkwasser, Elektrizität und Gas war er vor dem Krieg komplett vom westlichen Teil der Stadt abhängig. Durch die Kriegshandlungen waren sämtliche Versorgungsleitungen unterbrochen worden. Da nach dem Krieg die Grenze neu gezogen wurde und Geld und Material fehlte, um eine Eigenversorgung bauen zu können, siedelte man die verbliebenen Bewohner um. Der Stadtteil wurde komplett abgetragen, die Steine für den Aufbau Warschaus verwendet. Heute erinnern nur noch die leeren Straßen mit ihren jetzt nutzlosen Bordsteinkanten, Fußwegen und Kanaldeckeln mit dahinter verborgener Kanalisation an den ehemaligen Stadtteil. Herr Schulz zeigte uns bei der Vorbeifahrt den ehemaligen Standort seines Elternhauses. Heute stehen an diesem Platz nur zwei wild gewachsene Birken.
Nach der Durchfahrt durch die ausradierte Stadt und einigen Wald- und Feldwegen gelangten wir am Tor1 des ehemaligen Rüstungsbetriebes an. Herr Schulz erläuterte uns ausführlich die Geschichte des Werkes und seines Entstehens. Auch konnte er Episoden über die Arbeiterinnen und Arbeiter des Werkes, ihre Arbeits- und Lebensbedingungen und etliche andere Begebenheiten der damaligen Zeit erzählen. Wie alle seine Ausführungen, untermalte er auch an diesem Standort vieles mit Bildern und Fotografien aus der damaligen Zeit.
An dieser Stelle möchte ich das Engagement dieses Mannes unterstreichen, der so viel Zeit und Geld in die Recherche steckt, damit dieser Teil der Geschichte nicht in Vergessenheit gerät.
Wieder erklang ein "Aufsitzen!" und wir fuhren in das Bunkerwerk ein. Herr Schulz führte uns zu vielen Plätzen im Wald, die damals der Sprengstoffherstellung gedient haben. Da waren die Bunker der Walzen und der Trocknung und Verpackung, die "Makkaronischneidereien", die Nitrierung, , ehemalige Sozialbauten, Verladerampen, Ölbunker, das beeindruckende Heizwerk und vieles mehr. Auf die Erwähnung der einzelnen Teile des Werkes möchte ich an dieser Stelle verzichten, da die meisten von uns die Hefte 1 und 2 "Das verbotene Werk im Bunkerwald" von Herrn Schulz erworben haben. Dort ist umfassend die bisher von ihm recherchierte Geschichte des Werkes mit vielen Zeichnungen und Fotografien nachzulesen.
Auf unserer Fahrt durch das Bunkergelände mit ungezählten Stops, Geschichten und Erlebnissen kamen wir an der ehemaligen Sprengstofferprobung, einer Schießanlage an. Hier wurde erst einmal, wie es sich für den CB-Funk-Club "Foxtrott-India" gehört, zünftig Rast gemacht. Optimal für ein (Maxi-) Picknick mit Gaskocher, Tischen, Stühlen, Waschgelegenheit usw. ausgerüstet, wurde erst einmal frisch Kaffee gebrüht und reichlich Kuchen und Gebäck verzehrt. Dieser Halt hätte noch Stunden weiter gehen können, aber es wurde langsam spät und Herr Schulz empfahl uns, das Gelände vor Sonnenuntergang zu verlassen. Zum Teil wird es heute wieder benutzt und zwar von Schieberbanden und Schmugglern. Mit denen wollten wir nicht unbedingt Bekanntschaft machen... ;-)
Somit wurde unsere Ausrüstung wieder verpackt, der Müll verstaut und wieder "aufgesessen".
Mit der Ausfahrt aus dem Werk hielten wir noch einmal vor dem ehemaligen Verwaltungsgebäude am Tor 1. Hier endete der eigentliche Besuch des Werkes. Wir hörten noch einige abschließende Worte, erwarben die oben erwähnten Drucksachen und beglichen bei Herrn Schulz unsere "Tourkosten" von preiswerten 20,- DM pro Person.
Der Rückweg verlief auf der uns nun bekannten Strecke. In Teuplitz trennte sich unser Konvoi. Ein Teil wollte direkt in die Heimat, Herr Schulz mußte ja auch noch nach Haus gebracht werden. Der andere Teil zog es vor, in der Nähe von Teuplitz/Triebel noch preiswert zu tanken und auf dem Polenmarkt einzukaufen. Somit ging ein Tag voller interessanter aber auch bedrückender und nachdenklich stimmender Eindrücke seinem Ende entgegen.
Wollen wir in Zukunft alle darauf Acht geben, daß es nie mehr dazu kommt, daß solche Werke jemals wieder benötigt werden.

Eure Fledermaus, Thomas

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